Nachkriegsarchitektur in Nordrhein-Westfalen

 

Das Audimax der Ruhr-Universität Bochum

Text und Fotografien: Rike Gebhardt, Kai Guballa

Topographie und Baugeschichte

Den zentralen Bau und architektonischen Höhepunkt der Mittelachse des ab 1962 errichteten Campus der Ruhr-Universität Bochum (RUB) bildet das 1974 fertiggestellte Auditorium Maximum (Abb. 1). Es schließt das asymmetrische, zentrale Forum der Universität im Süden ab. Im Norden befindet sich der Riegel der zentralen Universitäts-Bibliothek (UB), im Westen eine Art offener Laubengang, der in Treppen und Stegen zu den Gebäuden der Geisteswissenschaften führt und auf der vierten Seite ein Laubengang mit dem Hörsaalzentrum Ost (ZFO). Südlich des Audimax liegt die Anfang der 2000er Jahre kernsanierte, als rechtwinkliger Flachbau ausgeführte Mensa, bevor das Gelände dann über den Botanischen Garten und ein Begegnungszentrum steil zum Ruhrtal abfällt. Für die zunächst 10.000 vorgesehenen Studienplätze wurden als erstes die Institutsgebäude geplant und errichtet, bevor das Gebäude des Audimax als letzter budgetierter und gebauter Teil der RUB entstand. Dementsprechend turbulent und von finanziellen Sachzwängen geprägt verliefen die Planungs- und die Bauphase.

Beim Bau der Institutsbauten kam die aus den USA übernommene, auf Basis der Mehrfachverwendung von 7,5 x 7,0 Meter großen Stahlschalungen greifende Netzplan-Technik PERT (Program Evaluation and Review Technique) zum Einsatz, die eine schnelle Errichtung (1963 bis 1969) der 13 zwölfstöckigen Hochhäuser ermöglichte. Dagegen wurde für die fakultätsübergreifenden, zentralen Einrichtungen (Verwaltung, Bibliothek, Mensa und besonders das Auditorium Maximum) "individuelle" Lösungen angestrebt.

Für das Audimax bekam das Düsseldorfer Büro Hentrich-Penschnigg & Partner (HPP) 1966 den Zuschlag. Erste Entwürfe sahen zunächst einen "geschlossenen Saal in Ei- oder Birnenform" (Kossel 2015, S. 259), sodann einen rechteckigen Bau mit Pultdach und zuletzt eine Art Muschel vor, bevor der endgültige Entwurf mit seiner zeltartigen Gestalt 1969 abgesegnet wurde. Das bis dahin mit Sichtbeton eher unvertraute Architekturbüro bemühte sich um eine Zusammenarbeit mit Pier Luigi Nervi (Rom) vor allem für die Dachkonstruktion - diese kam aber aufgrund seiner sehr hohen Honorarforderungen und nach persönlichen Differenzen nicht zustande.

Baugestalt

Das Audimax zeigt sich unverblümt als eine monumentale, "zyklopische" (Kossel 2015, S. 257) Summe aus Stützen, dem Dach und Fenstern. 22 nach außen geneigte, fünfschenkelige und leicht aus der Fassadenfläche hervor ragende Pfeiler tragen die ebenfalls aus Sichtbeton gestalteten Horizontalelemente, die offen in drei mittig anwinkelnde Segmente geteilt sind (Abb. 2). Die sich dadurch ergebene Fensterfläche ist durch etwa 3,0 x 1,5 Meter große Scheiben gegliedert; ihre Zahl wird zur Südseite hin geringer, da der Bau dorthin abfällt. (Abb. 1 und 3) Die Dachkonstruktion, durch eine Schattenfuge vom Unterbau deutlich sichtbar abgehoben, hat ihren Zeltkronen-artigen Mittelpunkt, dem Festsaal im Inneren entsprechend, ebenfalls nach Süden verlagert, sodass sich in dem Faltwerk der Übergangszone asymmetrische Verzerrungen und Streckungen ergeben. Das Faltwerk über der schrägen Fassade ist als Bekrönung in trapezförmigen Fächern gegliedert, die sich leicht nach außen neigen und von Stichkappen-artigen Vertiefungen definiert sind. (Abb. 3 und 4)

Der Südneigung des Baus entspricht einer leichten Senkung des Bodenniveaus im Inneren, wobei im Eingangsbereich die Kopfsteinpflasterung des nördlich anschließenden Forums weitergeführt ist. (Abb. 5) Im Foyer setzen mächtige, die Sitzreihen des Hauptsaals tragende Stützelemente einen horizontalen Gegenakzent zu den Fassadenpfeilern. Neben der zentralen Freitreppe zum Saaleingang - in der Sockelzone befinden sich Garderoben und Treppen ins Untergeschoss - sind Stahltreppen in die Konstruktion eingehängt. Der Hauptsaal schließlich entspricht in seiner Form einem um das Podium in der Mitte gruppierten Amphitheater. Die Architekten wollten hier, "dass sich das Auditorium nach Möglichkeit gegenübersitzt und damit eine Wirkung eintritt, die eine Verbindung und nicht eine Trennung der Gesellschaft bedeutet". (Brief der HPP-Architekten vom 4. Juli 1968, zit. nach: Kossel 2015, S. 263) Bemerkenswert ist weiterhin die 1998 eingebaute Orgel, eine der größten der weltweit agierenden Bonner Firma Johannes Klais.

Vorbilder, Rezeption, Kritik

Neben der in Berlin nach Plänen von Hans Scharouns zwischen 1960 und 1963 errichteten Philharmonie kann besonders die Assembly Hall der Universität Illinois in Champaign von W. K. Harrison und Max Abramovitz (1962) als Vorbild für den Endentwurf angesehen werden: erstere für die Organisation des Innenraums, zweite für die Plastizität der Dachkonstruktion und die massive Stützenstruktur. Für das Bochumer Audimax sah HPP zunächst jedoch einen weiten Dachüberstand des Faltwerks vor; ebenso sollte die gesamte Bedachung aus Normalbeton gefertigt werden. Um Kosten zu sparen, wurde in einer ersten Auflage des städtischen Bauamts der Dachüberstand zurückgesetzt, in zwei weiteren das Dachmaterial von Normal- zu Leichtbeton und daraufhin in eine Stahlfachwerkkonstruktion geändert.

Die notgedrungenen Änderungen während der Bauphasen waren jedoch nicht die ausschlaggebenden Gründe für eine unterm Strich eher negative Bewertung des Baus innerhalb des Œuvre der HPP-Architekten. So bekundete Helmut Hentrich noch 1989, dass Beton "nicht mit dem Wetter in Verbindung kommen [dürfe, …] für außen ist er nicht geeignet". (zit. n. Cube 1992, S. 128f) (Abb. 6) Generell hegten die Architekten Zweifel an dem gesamten Komplex einer Campus-Universität dieses Volumens. Sie hielten das Universitätsgelände für zu groß und für zu viele Studierende angelegt.

Ein Blick auf das heute mehr als 40 Jahre alte Gebäude lässt wiederum Zweifel sowohl an erster als auch zweiter Ansicht aufkommen. Zwar erinnert einerseits die renovierungsbedürftige Dachkonstruktion mittlerweile an eine schmutzige Gebirgslandschaft im Winter und die im Nachhinein lieblos eingesetzten Brandschutztüren der Seiteneingänge nehmen viel von der multiperspektivischen Ansicht des Baus. Gleichwohl wirkt die durchgliederte, am gesamten Werk trapezförmige Asymmetrie zwischen den seriellen Institutshochhäusern und gegenüber der blockhaften, schmalfenstrigen Bibliothek immer noch aufregend. So beeindruckt das Bauwerk gerade durch den Übergang der Pfeiler in das Faltwerk des Daches in seiner Vertikalität, die kontrastiert wird durch die mittig durchhängenden Horizontalelemente.

 

Literatur

Beuckers, Klaus Gereon (Hg.): Architektur für Forschung und Lehre. Universität als Bauaufgabe. Kiel 2010.

von Cube, Alexandra: Die Ruhr-Universität Bochum. Bauaufgabe - Baugeschichte - Baugedanke. Eine kunsthistorische Untersuchung. Diss. phil. Bochum 1992.

Hoppe-Sailer, Richard, Cornelia Jöchner, Frank Schmitz (Hg.): Ruhr-Universität Bochum. Architekturvision der Nachkriegsmoderne. Berlin 2015.

Klein, Bruno: Aufbruch und Krise. Die Ruhr-Universität Bochum. In: Beuckers, Klaus Gereon (Hg.): Architektur für Forschung und Lehre. Universität als Bauaufgabe. Kiel 2010, S. 243-257.

Kossel, Elmar: "Zyklopische Spätmoderne". Das Audimax. In: Hoppe-Sailer, Richard, Cornelia Jöchner, Frank Schmitz (Hg.): Ruhr-Universität Bochum. Architekturvision der Nachkriegsmoderne. Berlin 2015, S. 257-263.

Philipp, Klaus Jan: Beton im Hochschulbau. In: Hoppe-Sailer, Richard, Cornelia Jöchner, Frank Schmitz (Hg.): Ruhr-Universität Bochum. Architekturvision der Nachkriegsmoderne. Berlin 2015, S. 157-164.

Orgelbau Klais Bonn. Im Internet unter: http://www.orgelbau-klais.com/m.php?tx=4&q=bochum, gesehen am 9.8.2016.